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Gefühle & EmotionenDeutsch

Lena und die Heckenglocke

Lena war das einzige Kind im Dorf, das sich in der großen Hecke nie verlief. Jeden Tag lief sie durch alle Gänge, links, rechts, links, bis in die Mitte. Dort hing die Glocke. Sie läutete von allein, sobald der Wind sich drehte. Niemand fand das seltsam. Es war eben so.

Heute war Oma auf dem Markt im nächsten Tal. Erst am Abend kam sie zurück. Lena wollte den ganzen Tag tapfer sein und nicht an Oma denken.

Aber der Tag war lang. Der Tag war so lang wie ein Seil ohne Ende.

Lena zählte die Blätter an einem Zweig. Dann zählte sie die Schritte bis zum Tor. Der Tag war immer noch lang. In ihrem Hals wurde es eng, und ihre Augen brannten.

„Ich weine nicht“, flüsterte sie. Sie presste die Lippen zusammen und hielt die Luft an. Eine Träne kam trotzdem. Dann noch eine.

Da raschelte es unter der Hecke. Ein kleiner Igel kam heraus. Er suchte trockene Blätter für sein Bett und wollte gar nichts von Lena. Er schnupperte an ihrem Schuh. „Hatschi!“, machte er und fiel fast auf die Nase.

Lena musste lachen. Mit dem Lachen kamen noch mehr Tränen, ganz viele, und diesmal hielt sie sie nicht auf. Sie liefen ihr über die Wangen und tropften auf ein Blatt. Dort blieben sie liegen und glänzten wie winzige Laternen.

„Na gut“, sagte Lena leise. „Dann weine ich eben.“

Sie weinte, bis es von allein weniger wurde. Ihr Atem ging wieder ruhig. Ihre nassen Wangen waren kühl, und der Wind strich darüber.

Dann drehte sich der Wind. Die Glocke läutete: Bimm, bimm.

Lena wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Der Igel trug sein Blatt davon, Schritt für Schritt. Die Glocke schwang noch ein bisschen hin und her, und die Tropfen auf dem Blatt zitterten leise im Licht.