Freundschaft & GüteDeutsch
Der Baumstamm mit dem Echo
Emil wollte zu Nele hinüber und Entschuldigung sagen. Er hatte ihren Strohturm im Heuboden umgestoßen, ganz aus Versehen, mit dem Ellbogen. Wums! Nele hatte nichts gesagt. Sie war einfach weggegangen. Jetzt saß sie auf der anderen Seite der Luke und hielt die Arme um die Knie.
Die Luke war ein großes Loch im Boden, durch das man das Heu hinunterwarf. Für einen Schritt war sie zu breit.
„Nele!“, rief Emil. „Es tut mir leid!“
Aber das Stroh schluckte seine Stimme. Nele drehte sich nicht um.
Emil faltete einen Zettel zu einem Flieger und schrieb darauf: Tut mir leid. Er warf. Der Flieger segelte ein Stück, kippte und fiel durch die Luke ins Dunkle. Unten muhte eine Kuh.
Emil setzte sich neben den alten, hohlen Baumstamm, der im Heuboden lag. Alle wussten: Der Stamm sagte zurück, was eine Stunde vorher in ihn hineingesprochen worden war. Gerade flüsterte er mit Neles Stimme: „Mein Turm wird der höchste von allen.“
Emil hörte zu. Dann beugte er sich über das Loch im Stamm und flüsterte selbst hinein: „Es tut mir leid.“ Aber das half Nele jetzt nicht. Der Stamm würde es erst in einer Stunde wiederholen.
Emil sah sich um. An der Wand lehnte ein langes Brett. Er brauchte gar keinen großen Schritt. Er brauchte nur etwas, worauf er gehen konnte.
Er schob das Brett über die Luke. Es wackelte. Er nahm eine Handvoll Stroh, ging Schritt für Schritt hinüber und setzte sich neben Nele.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich habe deinen Turm umgeworfen. Das war nicht schön von mir. Darf ich helfen, ihn neu zu bauen?“
Nele schaute auf das Stroh in seiner Hand. „Dein Flieger ist unten bei der Kuh“, sagte sie. „Ich hab ihn fallen sehen.“
Da musste sie ein bisschen lachen, und Emil auch.
Sie bauten den Turm, Halm für Halm. Er wurde schief und sehr hoch. Als der letzte Halm oben saß, raschelte es im Stamm, und eine kleine Stimme sagte: „Es tut mir leid.“
„Das hab ich schon gehört“, sagte Nele. Der Turm wackelte nur ein wenig und blieb stehen.